AV2020: Kritik am Abstimmungsbüchlein
Der Tages-Anzeiger berichtet über die Kritik der bürgerlichen Gegner der Vorlage, dass in der Informationsbroschüre des Bundes nur linke Stimmen zum Wort kämen. Darüber sind auch die Linken nicht glücklich. Der TA schreibt:
Die vom Bundesrat gewählte Darstellung suggeriere, dass die Reform einzig von links aussen bekämpft werde, sagt der Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands, FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler. «Das ist inakzeptabel.» Auch die SVP kritisiert die Darstellung: «Der Bundesrat und die Verwaltung legen hier einmal mehr ihre einseitige Sichtweise auf zehn Seiten dar», so Generalsekretär Gabriel Lüchinger.
Die gewichtigen bürgerlichen Stimmen fehlen im Abstimmungsbüchlein also, während das mehrheitlich aus Westschweizer Gewerkschaftern bestehende Referendumskomitee, das innerhalb des linken Lagers nur eine Minderheitsmeinung vertritt, prominent vertreten ist. Grund dafür ist die besondere Konstellation bei der Rentenreform: Zur Erhöhung der Mehrwertsteuer zugunsten der AHV muss die Verfassung geändert werden, was eine Volksabstimmung bedingt.
Die Reform wäre deshalb auch ohne das linke Referendum gegen die restliche Vorlage vors Volk gekommen. Die Gewerkschafter sicherten sich dadurch aber eine Seite im Abstimmungsbüchlein – der Bundesrat gewährt Komitees jeweils bei Initiativen und fakultativen Referenden eine solche, nicht aber bei obligatorischen Referenden. (…)
Für gravierender halten die bürgerlichen Reformgegner sowieso die Ausführungen des Bundesrats, die sich über zehn Seiten erstrecken. Diese seien fehlerhaft und unvollständig. So fehle etwa der Hinweis, dass auch mit der Rentenreform das Betriebsergebnis der AHV ab 2029 negativ ausfallen werde und weitere Reformen deshalb unumgänglich seien. «Schon nach den Wahlen im Jahr 2019 wird die nächste Reform aufgegleist werden müssen», sagt Arbeitgeberpräsident Valenti Vogt. (…)
Kritik am Abstimmungsbüchlein kommt nicht nur von den bürgerlichen Gegnern. Auch SP, Grüne und Gewerkschaften, die für die Reform sind, haben keine Freude, dass Linke als zentrale Gegner der Reform erscheinen. Sie bedaure, dass die Argumente der bürgerlichen Gegnerschaft nicht Eingang in die Erläuterungen gefunden hätten, sagt SP-Nationalrätin Silvia Schenker. «Für die Leute ist das verwirrend.»
Junge CVP zur AV2020
JCVP-Präsident Tino Schneider warnt in einem Interview mit 20 Minuten vor einem Scheitern der Altersvorsorge 2020. Auszüge:
Herr Schneider, die JCVP unterstützt die Altersvorsorge 2020. Warum?
Seit 20 Jahren haben wir einen Reformstau in unserer Altersvorsorge. Bei einem allfälligen Nein werden wir alle – gerade wir Jungen – einen noch viel höheren Preis für die nächste Reform zahlen müssen. Es liegt jetzt ein Paket vor, das zahlreiche zentrale Elemente enthält und sich positiv auf das Dreisäulensystem auswirken wird.
Die bürgerlichen Gegner argumentieren, dass die Altersreform 2020 die Zukunftsaussichten der jungen Generation verschlechtert. Ab Jahrgang 1974 wird es teurer. Laut Hochrechnungen ist bis 20 Jahre nach der Pensionierung mit einer Verschlechterung von 20’700 Franken zu rechnen.
Alle Generationen tragen ihren Anteil dazu bei, dass unsere Altersvorsorge gesichert wird. Bei den Jungen ist diese Zahl höher, da sie auch noch viel länger Beiträge zahlen werden. Zahlen des Bundesamts für Sozialversicherungen BSV zeigen aber klar auf, dass nicht die Jungen, sondern die Älteren mit der Reform am stärksten belastet werden. Schlussendlich sollten wir uns auch auf die Generationensolidarität besinnen. Wenn ich alt bin, werde ich auch froh sein, wenn sich die Jungen mir gegenüber solidarisch zeigen.
Glauben Sie, dass die Jungen bereit sein werden, zur Sicherung der Altersvorsorge Mehrkosten zu schultern?
Es ist erstaunlich. Obwohl ich bei meinen Alterskollegen vermehrt eine stärkere Individualisierung beobachte, habe ich den Eindruck, dass sie bei der Altersvorsorge merken, dass die Generationensolidarität sehr wichtig ist. Deswegen bin ich auch sehr optimistisch, dass die Jungen die Reform befürworten werden.
200 Sekunden Teilwahrheiten
Haben Sie allenfalls Lust auf ein Video, dass die AV2020 mehr oder weniger zutreffend darstellt? Beim Tages-Anzeiger versucht es Inlandredaktor Markus Brotschi in 200 Sekunden. Dabei erfahren Sie solche Dinge, wie dass ein UWS von 6,0% bei einem Kapital von 100’000 Franken 6000 Franken p.a. abwirft. Haben wir es uns doch fast gedacht.
AFIAA kauft in Hamburg
Die AFIAA, Anlagestiftung für ausländische Immobilienanlagen, hat die in der Hamburger Innenstadt gelegene Kaisergalerie von einem Joint Venture aus der Quantum Immobilien AG und der alstria office REIT AG erworben. Der Kaufpreis für die zwischen 1907 und 1909 erbaute und 2014 umfassend sanierte Immobilie mit einer Mietfläche von 18’000 Quadratmetern liegt bei 170 Mio. Euro. Kernstück der Kaisergalerie ist eine über 80 Meter lange Passage mit zwölf hochwertigen Einzelhandelsflächen. Dazu kommen in den oberen Geschossen Büroflächen.
AFIAA plant im Rahmen der Strategie „2016+“ weitere Ankäufe in zentralen Metropolenlagen. Bis 2021 ist ein Portfoliovolumen von 3,0 Mrd. Franken angestrebt. Zu den potentiellen Objekten zählen auch Immobilien mit Entwicklungspotenzial, deren Wertschöpfung über ein aktives Asset Management mittels gezielter Refurbishment-Maßnahmen gesteigert werden soll, schreibt AFIAA.
CS PK-Index im Q2 2017
- Im Berichtsquartal nahm der PK Index um 1,15 % zu und schliesst per 30. Juni 2017 bei einem Allzeithoch von 165,92 Punkten, ausgehend von 100 zu Anfang des Jahres 2000.
- Nach einer positiven Entwicklung in den Monaten April (+0,99 %) und Mai (+0,56 %) war der Credit Suisse Schweizer Pensionskassen Index im Juni von einem Rückgang (–0,39 %) geprägt.
- Der Anteil Aktien Schweiz trug wesentlich zur positiven Entwicklung des Credit Suisse Schweizer Pensionskassen Index bei (+0,75 %). Ein positiver Beitrag ist ebenfalls beim Anteil Immobilien (+0,30 %), beim Anteil Liquidität (+ 0,13 %) sowie beim Anteil Aktien Ausland (+0,10 %) zu verzeichnen.
- Demgegenüber haben im zweiten Quartal die Anlageklassen Obligationen Fremdwährungen (–0,07 %) und alternative Anlagen (–0,06 %) einen negativen Beitrag geleistet.
- Der Indexstand der BVG-Mindestverzinsung (seit Januar 2017 auf 1 % p. a.) stieg im Berichtsquartal um 0,25 % auf den Stand von 151,34 Punkten, ebenfalls ausgehend von 100 zu Beginn des Jahres 2000. Die Rendite des Credit Suisse Schweizer Pensionskassen Index liegt somit im 2. Quartal 2017 0,90 % über der BVG-Vorgabe.
- Die annualisierte Rendite des Credit Suisse Schweizer Pensionskassen Index (seit 1.1.2000) beträgt per 30. Juni 2017 2,94 %. Demgegenüber steht eine annualisierte BVG-Mindestverzinsung von 2,40 %.
Tellco Vorsorge übernimmt Zürcher Privatbank
Die Tellco Vorsorge AG hat 100 % der Aktien der Dominick Company AG erworben. Mit dieser Übernahme baut die Tellco ihr Angebot für private und institutionelle Kundinnen und Kunden aus und etabliert sich als umfassende Dienstleisterin in den Bereichen Vorsorge, Vermögen und Immobilien, wie es in einer Medienmitteilung heisst.
Durch die Bündelung der Kompetenzen kommen sämtliche Dienstleistungen im Rahmen der Vorsorgeplanung aus einer Hand. Somit könnten verstärkt individuell auf die Kunden abgestimmte Lösungen angeboten werden. Mit über 140 Mitarbeitern und einem verwalteten Kundenvermögen von über 6,5 Mrd. Franken entsteht eine Dienstleisterin für institutionelle wie auch für private Kunden.
Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung der Tellco Vorsorge AG sowie die Geschäftsleitung der Dominick Company AG bleiben unverändert
Swisscanto PK-Monitor im Q2 17
Die Finanzierungssituation der Vorsorgeeinrichtungen hat sich im zweiten Quartal 2017 kaum verändert (Abbildung 1). Bei den privatrechtlichen Vorsorgeeinrichtungen liegt der geschätzte vermögensgewichtete Deckungsgrad im zweiten Quartal mit 111,0% nur 0,3 Prozentpunkte tiefer als im Vorquartal. Auch bei den öffentlichrechtlichen Vorsorgeeinrichtungen mit Vollkapitalisierung ist der geschätzte Deckungsgrad leicht gesunken und liegt nun bei 103,3%.
Die Verteilung der Vorsorgeeinrichtungen nach Deckungsgrad-Bandbreiten per 30. Juni 2017 zeigt gegenüber den Durchschnittszahlen weitere Details (Abbildung 2). «Über dem Strich» – mit einer Deckung von 100% und mehr – finden wir 95,6% der privatrechtlichen Vorsorgeeinrichtungen und 84,5% der öffentlich-rechtlichen Kassen mit Vollkapitalisierung. 63,1% der privaten und 26,7% der öffentlichen Vorsorgeeinrichtungen mit Vollkapitalisierung weisen einen Deckungsgrad auf, der grösser als 110% ist. Die den erfassten Vorsorgeeinrichtungen zugrundeliegenden technischen Zinssätze im Beitragsprimat lagen Ende 2016 bei den privatrechtlichen Vorsorgeeinrichtungen durchschnittlich bei 2,19% und bei den öffentlich-rechtlichen bei 2,55%. 4,5% der privatrechtlichen und 15,5% der öffentlichrechtlichen Vorsorgeeinrichtungen mit Vollkapitalisierung
befinden sich in Unterdeckung.
Erwin Heri: «Wir fahren die AHV an die Wand»
Neue Front gegen Alain Berset: Ökonomen kritisieren die Altersreform des SP-Bundesrats. Finanzexperte Erwin Heri fordert im Blick statt einem AHV-Ausbau, dass der Staat die 3. Säule stärker fördert.
Erwin Heri, Sie sind gegen die Rentenreform. Was kritisieren Sie konkret?
Erwin Heri: Es ist mehr eine Grundsatzkritik. Es beginnt damit, dass mit dem Trostpflästerli von 70 Franken mehr AHV-Rente 1. und 2. Säule vermischt werden. Das ist ein ganz schlechtes Signal, denn beide sind «getrennte Firmen»: Die AHV ist ein wirkliches Sozialwerk, in der Pensionskasse spart im Prinzip jeder für sich. Diese so unterschiedlich funktionierenden Vorsorgewerke sollte man auf keinen Fall verquicken.
Sondern?
Beide Säulen sind getrennt zu sanieren. Die AHV über eine Erhöhung des Rentenalters, die 2. Säule über eine Senkung des Umwandlungssatzes auf ein marktnahes Niveau.
Wo müsste der Umwandlungssatz liegen?
Eher in der Nähe von fünf Prozent, so wie es heute an vielen Orten im überobligatorischen Teil üblich ist. Zudem müsste man die vermaledeiten Rechnungslegungsvorschriften anpassen. Heute muss jede Pensionskasse schon fast monatlich eine Rechnung vorlegen. So werden langfristige Verpflichtungen in einjährige Anlagehorizonte gepresst, was eine adäquate Anlagestrategie verunmöglicht.
Und wie hoch muss die Erhöhung des Rentenalters ausfallen?
In vielen Industrieländern beträgt das Rentenalter 67 Jahre. Die Politik sollte der Bevölkerung auch hierzulande endlich reinen Wein einschenken: Das Rentenalter muss rauf! Doch Politiker scheuen so unpopuläre Massnahmen, weil sie dann um ihre Wiederwahl fürchten müssen.
Was Sie vorschlagen, ist vom Volk immer deutlich abgelehnt worden.
Ich bin nicht sicher, ob wir immer alle wissen, worüber wir eigentlich abstimmen. Auch die jetzige Reform ist sehr komplex. Deshalb muss es heissen: Zurück an den Absender!
Auch das können wir uns nicht leisten. Bis ein neues Paket auf dem Tisch liegt, wird es Jahre dauern.
Das glaube ich nicht. Jeder weiss, dass wir nicht noch einmal zehn Jahre Zeit haben. Und die Bevölkerung ist auch bereit, ein höheres Rentenalter zu akzeptieren. Dafür braucht es natürlich auch ein Umdenken in Wirtschaft und Gesellschaft, so dass 50-Jährige nicht in der Arbeitslosigkeit landen.
Ist die Reform nicht zumindest ein erster Schritt in die richtige Richtung? Über ein höheres Rentenalter können wir danach reden.
Warum machen wir das nicht schon jetzt? Stattdessen fahren wir die AHV an die Wand! Je länger wir eine echte Sanierung vor uns herschieben, desto teurer wird es am Schluss. Bezahlen muss diesen ungedeckten Scheck eine Generation, die im politischen Prozess nicht existiert. Meine Enkelin, die bald auf die Welt kommt, zum Beispiel.
Fundamentalkritik ist einfach. Doch die Reform, die auf dem Tisch liegt, ist eben der politisch machbare Kompromiss
Wohin wird uns diese unsägliche Kompromissokratie noch führen? Wir brauchen keine Kompromisse. Die wirtschaftliche Realität sagt uns, was wir tun müssen. Das beste, was die Leute machen können, ist wieder mehr für sich selbst vorzusorgen. Über die 3. Säule, die stärker gefördert werden sollte. Man sollte die Leute motivieren, verstärkt langfristig in Wertpapiere zu investieren. Wenn jeder mehr für sich selbst sorgt, ist für die meisten besser gesorgt.
Blick: “Das mit dem Koordinationsabzug …“
… verstehe ich auch nicht”, schreibt Gopfried Stutz alias Claude Chatelain im Blick. Und dürfte damit nicht allein sein. Konzeptionell hat der KA seine Funktion längst verloren, eine wirkliche Koordination zwischen 1. und 2. Säule gibt es nicht mehr. Mit der notorischen Neuberechnung, die das BSV für den Ständerat entwickelt hat, wird alles nur noch schlimmer. Gopfried Stutz hält fest:
Bundesrat Alain Berset wollte in seiner Altersreform, über die wir am 24. September abstimmen, den Koordinationsabzug abschaffen. Bravo. Endlich. Das Parlament wollte davon leider nichts wissen und machte alles noch schlimmer, noch komplizierter. Künftig wird der Koordinationsabzug dreigeteilt: Für Löhne zwischen 21’150 und 35’250 Franken soll er 14’100 Franken betragen; bei Einkommen zwischen 35’250 und 52’875 Franken würde er auf 40 Prozent des Lohnes festgelegt und bei Einkommen zwischen 52’875 und 84’600 Franken läge er bei 21’150 Franken.
Haben Sie, liebe Leser, das alles verstanden? Macht nichts. Ich auch nicht.
Beobachter: “Wer schröpft da wen?”
Finanziert die erwerbstätige Bevölkerung die Senioren? Was tragen die Jungen und was die rüstigen Rentner zum Funktionieren unserer Gesellschaft bei? Die Beobachter-Infografik zeigt, wie die Generationen zusammenspielen.
«Ein Tabu muss man brechen»
Nach der Reform ist vor der Reform – unabhängig davon, wie die Volksabstimmung über die Altersvorsorge im September ausgeht, schreibt Avenir Suisse. Im Artikel heisst es:
Die Schweizer Gesellschaft ist mit ihrer Haltung zum Thema Altersvorsorge zutiefst widersprüchlich: Obwohl die Lebenserwartung eine der höchsten weltweit ist und laufend steigt, bleibt ein höheres Rentenalter ein Tabu.
Quasi das politische Kind dieses Zustands ist die Abstimmungsvorlage «Altersvorsorge 2020». Diese enthält ein ganzes Sammelsurium von Massnahmen, die jedoch in ihrer Summe nur an der Oberfläche kratzen und mit denen es unterm Strich nicht gelungen ist, die Renten langfristig zu sichern. Im Gegenteil werden mit dem geplanten AHV-Ausbau die jüngeren Generationen überproportional belastet. Nicht zuletzt deshalb ist es für die Jungen enorm wichtig, dass sie sich persönlich für das Thema Altersvorsorge interessieren, auch wenn die eigene Rente noch in der Ferne liegt.
Im Gespräch mit Nicole Dreyfus erklären Jérome Cosandey, Forschungsleiter Finanzierbare Sozialpolitik bei Avenir Suisse, und die Vertreter von Avenir Jeunesse, Salomè Vogt und Fabio Wüst, wie die Finanzierbarkeit der Renten auf Dauer gewährleistet werden könnte. Eine der wichtigsten Massnahmen ist aus ihrer Sicht die Koppelung des Rentenalters an die Lebenserwartung. Im Interesse der Arbeitnehmer wäre auch ein sanfter Übergang in die Pensionierung durch die allmähliche Reduktion des Pensums.
“Keine Zustimmung aus christlich-ethischer Sicht”
Peter Ruch, 35 Jahre reformierter Pfarrer, äussert sich in der Weltwoche über die AV2020:
Meine Generation in der westlichen Welt ist plus / minus in die besten ökonomischen Verhältnisse der Weltgeschichte hineingeraten. Und ausgerechnet wir sollen nun von den Kindern etwas bekommen. So will es die «Rentenreform ». Sie ist derart halbbatzig durchdacht, dass bereits in rund zehn Jahren die Schieflage zurückkehrt. Die 70 Franken zusätzliche AHV sind so verfehlt wie der weiterhin überhöhte Umwandlungssatz bei der zweiten Säule. Und die 70 Franken gehen an diejenigen, die ohnehin während zwanzig Jahren aus dem Sicherheitsfonds für den minderen Umwandlungssatz entschädigt werden.
Aus christlich-ethischer Sicht verdient die Vorlage keine Zustimmung. Wird sie abgelehnt, so ist die Bahn frei für eine Rentenreform, die diesen Namen verdient. Rentenbeschlüsse müssen im Horizont von zwei bis drei Generationen erfolgen. Wird die Vorlage angenommen, so erweist sich die staatliche Altersversorgung definitiv als reformuntauglich. Das würde zugleich für den gesamten Sozialstaat gelten, denn entsprechende Symptome zeigen auch andere Bereiche, etwa die medizinische Versorgung.
In diesem Fall ist es die Pflicht von Politik und Gesellschaft, den Sozialstaat vollständig zurückzubauen. Dafür existieren Modelle. Die Menschheit hat viel häufiger und länger ohne Sozialstaat gelebt als mit ihm. Solidarität, Stiftungen und geringerer Verbrauch können ihn ersetzen.
TA: “Die Schwächen der Rentenreform-Gegner”
Die FDP ist mit der Bundesratswahl beschäftigt. Und die SVP hat kein Interesse, ihre Wählerschaft mit Forderungen zur AHV-Sanierung zu vergraulen.
Zum Hinschied von Hansjürg Saager
Hansjürg Saager ist im Alter von 77 Jahren gestorben, wie seine Familie mitteilt.
Saager ist in der beruflichen Vorsorge als Herausgeber der AWP-Nachrichten bekannt, die seit den 70er Jahren vierzehntäglich über Aktualitäten in der 2. Säule informiert. Also lange bevor das Thema von den Tageszeitungen vertieft aufgegriffen und viele Jahre bevor das BVG in Kraft gesetzt wurde, hat er die soziale und auch wirtschaftliche Bedeutung der Altersvorsorge erkannt. Dabei galt sein hauptsächliches journalistisches Interesse den Rohstoffen, über welche er bis vor wenigen Monaten noch regelmässig berichtete. Und Leidenschaft entwickelte er vor allem für sein Weingut Eikendal in Südafrika.
Mit den AWP-Nachrichten verbunden sind die seit Beginn jährlich durchgeführten Tagungen zur 2. Säule. Auch damit war Saager seiner Zeit voraus. Das gilt gleichermassen für den Einsatz modernster Technologien. Die Installation eines Zentralcomputers bei der AWP mit Netzanschluss zu Beginn der 80er Jahre war für alle Beteiligten damals ein Abenteuer und verlangte den wochenlangen Einsatz eines Spezialisten aus Deutschland. Die Redaktion wurde desgleichen mit den ersten IBM Word-Prozessoren und später mit IBM XT-Computer ausgerüstet. Damit war man im Journalismus den Kollegen weit voraus.
Im persönlichen Umgang war Saager eher spröde, Anzeichen von Humor nahm man als Mitarbeiter (der Autor war während 7 Jahren Redaktor der Nachrichten) mit Erleichterung zur Kenntnis. Wenigstens kurz konnte so die Distanz verringert werden, die man auch als soziales Gefälle wahrgenommen hat. Als Sohn einer vermögenden Bankiersfamilie war das Thema soziale Sicherheit ihm wohl auch nicht in die Wiege gelegt worden.
Die drei Redaktoren der AWP-Nachrichten unter seiner Leitung, Beat Brenner, der Schreibende und Werner C. Hug, haben gleichzeitig auch grosse redaktionelle Freiheiten erfahren dürfen. Die Fakten mussten stimmen, die Meinung war offen. Davon haben alle profitiert, auch die Leser.
Peter Wirth
BaZ: Heikle Vorhersagen
Auch die Basler Zeitung beschäftigt sich mit dem Zahlenmaterial zur AV2020, deren Voraussetzungen Fragen aufwerfen. Dominik Feusi schreibt:
Gemäss Berechnungen des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) verschafft die Reform allerdings nur gerade fünf Jahre Atempause. Auch bei einem Ja ist die AHV ab 2027 mit Milliardendefiziten wieder in einer Schieflage – bei einem Nein bereits 2022. Auch für die berufliche Vorsorge, die zweite Säule des Schweizer Rentensystems, bringt die Reform mit der Senkung des Umwandlungssatzes nur eine leichte Anpassung an die gesteigerte Lebenserwartung.
Die Berechnungen des BSV beruhen auf Voraussagen hinsichtlich der Entwicklung von Bevölkerung und Wirtschaft. Wächst die arbeitende Bevölkerung oder deren Löhne, bedeutet das zusätzliche Einnahmen für die AHV. Nimmt die Bevölkerung ab oder stagnieren die Löhne, bedeutet das rascher neue Defizite in der ersten Säule. Das Bundesamt hält sich dabei streng an das Hauptszenario des Bundesamts für Statistik (BfS) und die Annahmen über die Preis- und Lohnentwicklung der Eidgenössischen Finanzverwaltung (EFV). (…)
Rechnet man die erste Hälfte dieses Jahres auf das ganze Jahr hoch, beträgt die Netto-Zuwanderung 51’000 Personen, fast 10’000 Personen weniger, als das Referenzszenario des BfS schätzt und das BSV der Altersreform zugrunde legt. Nimmt man nur den Monat Juni, so sieht es noch schlimmer aus, dann würden rund 20 000 Zuwanderer pro Jahr fehlen, die in die AHV einzahlen.
Bleibt die Zuwanderung aus dem entscheidenden EU- und Efta-Raum so tief wie im ersten Halbjahr 2017, dann kommen im 2017 nur 30’000 Personen aus diesen Ländern in den Schweizer Arbeitsmarkt und als zusätzliche Zahler in die AHV. Das wären wiederum 20’000 Personen weniger, als der Berechnung des BSV für die Altersreform zugrunde liegen. Was das für die AHV bedeutet, wenn diese Personen fehlen, lässt sich nur schwer voraussagen. Die von den Befürwortern behauptete «langfristige Sicherung der AHV» würde aber noch kürzer ausfallen als die berechneten fünf Jahre.









