Obligationen haben jedoch seit Einführung des BVG kaum zur Vermögensbildung beigetragen, wie die Langfriststudie der Genfer Privatbank Pictet zeigt. Während die durchschnittliche, um die Teuerung korrigierte Jahresrendite von Schweizer Aktien seit 1985 bei 7,6 Prozent lag, brachten Schweizer Obligationen nur 2,2 Prozent – und seit 2014 hat man mit ihnen sogar Geld verloren. (…)
In der beruflichen Vorsorge hat die Bevorzugung von Stabilität gegenüber Rendite System. Die Mindestverzinsung der Sparguthaben ist gesetzlich vorgegeben. Pensionskassen müssen jederzeit sicherstellen, dass die Renten ausbezahlt werden können.
Kritisch wird es, wenn der Deckungsgrad (das Verhältnis von Vermögen zu den zugesagten Leistungen) nach einem Börseneinbruch unter Druck gerät: Liegt eine Unterdeckung vor, drohen Sanierungsmassnahmen – Arbeitnehmer und Arbeitgeber können zur Kasse gebeten werden.
Das wollen Stiftungsräte um jeden Preis vermeiden. Sie haften persönlich für Schäden, die sie fahrlässig verursachen. Arbeitnehmervertreter hielten sich zudem oft zurück, weil sie einen Wissensnachteil hätten, beobachtet Thorsten Hens. Und die Arbeitgeberseite meidet Risiken, weil sich Unternehmen im Sanierungsfall finanziell beteiligen müssten.
Auch Kassenverwalter und Berater haben einen starken Anreiz, Sicherheit zu bevorzugen: In der Öffentlichkeit wird jeder Buchverlust skandalisiert – aber entgangene Gewinne bleiben unsichtbar.
Hinzu kommt die Demografie in den Kassen. Solche mit vielen Rentnern sind besonders vorsichtig. Bei älteren Einrichtungen wie der BVK oder der Bundeskasse Publica gehört etwa die Hälfte des Vermögens bereits den Rentnern. Weil deren Renten gesetzlich geschützt sind und nicht gekürzt werden dürfen, muss ein grösserer Teil des Kapitalstocks «sicher» angelegt werden – die Risikofähigkeit sinkt.
«Je mehr Garantien man im System eingebaut hat, desto weniger Rendite ist möglich», sagt Lukas Riesen, Partner und Mitglied der Geschäftsleitung beim Pensionskassenberater PPCmetrics. «Es ist die klassische schweizerische Vollkasko-Mentalität, und die ist halt nicht gratis.»
«Wenn bei Sanierungen auch die Rentner beitragen müssten, würde das die Risikofähigkeit der Kassen erhöhen – zum Nutzen aller», sagte Stephan Skaanes, Chef von PPCmetrics, im «Echo der Zeit» von Radio SRF. Mehr Risikofähigkeit würde langfristig höhere Renditen ermöglichen – für Aktive wie Rentner. Politisch erscheint das allerdings chancenlos.