«Obwohl sich der Bundesrat mit der Vorgabe eines BVG-Mindestzinses von 2,75% für das laufende Jahr bös verschätzt hat und nun korrigieren muss, wird vom seit Jahrzehnten praktizierten Konzept, dem Markt eine Leistungsvorgabe aufzuzwingen, nicht abgewichen», schreibt Werner Enz in der NZZ.
Medien
Erste Reaktionen auf den Mindestzinsentscheid.
SP-Schweiz
«In einem nicht nachvollziehbaren Entscheid hat der Bundesrat den Mindestzins auf dem BVG-Sparkapital der zweiten Säule weiter gesenkt. «2 Prozent sind nicht marktkonform – schon Bundesobligationen mit 10 Jahren Laufzeit bringen 2.9 %!» kritisiert der Basler SP-Nationalrat Ruedi Rechsteiner den Entscheid. «Es ist stossend, wie der Bundesrat einmal mehr den Privatversicherungen zu Hilfe eilt, ohne bei einer Erholung der Börse die Verteilung der Überschüsse zu regeln.»
Mitteilung SP
Schweiz. Versicherungsverband
«Der SVV begrüsst die Senkung als einen Schritt in die richtige Richtung, beurteilt sie aber als noch nicht genügend. Angesichts der volatilen Verhältnisse an den Kapitalmärkten wäre eine weitergehende Anpassung angebracht gewesen. Ein zu hoher Mindestzinssatz setzt die Vorsorgeeinrichtungen grösseren Risiken aus.
Der SVV setzt sich weiterhin für eine transparente Formel zur Festlegung eines variablen und marktkonformen Mindestzinssatzes ein – zum Beispiel 70% des rollenden Durchschnittes von siebenjährigen Bundesobligationen. Basierend auf der vorgeschlagenen Formel resultiert für das Jahr 2009 ein BVG-Mindestzinssatz von 1,75%.»
Mitteilung SVV
Arbeitgeber, bürgerliche Parteien
In einer SDA-Mitteilung wird Thomas Daum, Direktor des Arbeitgeberverbands zitiert: «Nun werden die Pensionskassen in einer schwierigen Situation zusätzlich belastet», sagte Thomas Daum, Direktor Schweizerischer Arbeitgeberverband, auf Anfrage. Dabei wäre es im Interesse der Versicherten, dass die Pensionskassen nicht in Schwierigkeiten geraten.
SVP, FDP und CVP beurteilten den Entscheid des Bundesrates als vernünftig. Die Senkung sei ein akzeptabler Kompromiss, sagte CVP-Sprecherin Marianne Binder auf Anfrage. «Doch wenn sich die Finanzmärkte erholen, muss der Mindestzinssatz wieder nach oben angepasst werden.»
Meldung swissinfo
«Aber wir sind nun mal halt nicht Harvard!»
Vera Kupper Staub, Anlagechefin der Pensionskasse der Stadt Zürich, sieht keinen Grund für einen Richtungswechsel. Die Flucht in illiquide Anlagen sei kein Ausweg. In einem Interview mit Erich Solenthaler vom Tages-Anzeiger meint sie: «Die Renditen (der letzten acht Jahre) waren nicht berauschend und liegen unter den Erwartungen. Aber solche Perioden gab es immer wieder. Langfristig sind die Aktien die stabilste Ertragskraft. Ich glaube deshalb nicht, dass die vergangenen Jahre eine fundamentale Veränderung anzeigen. Aber sie machen deutlich, dass man, um Aktienrisiken tragen zu können, einen sehr langen Anlagehorizont haben muss.
Probleme haben die Pensionskassen auch so. Die kotierten Wertpapiere sind grossen Schwankungsrisiken unterworfen, Schwankungen, die die Pensionskassen alle paar Jahre wieder auf die Startlinie zurückwerfen. So viele Crashs dürfte es gemäss Portfolio-Theorie gar nicht geben. Steht das theoretische Fundament, auf das sich Pensionskassen stützen, nicht auf wackligem Grund?
Nein. Die moderne Portfolio-Theorie gibt nicht vor, welche Annahmen über die Risiken zu treffen sind. Sie ist ein theoretischer Rahmen, wie die Risiken – grob gesagt – zusammengezählt werden können. Statistisch geht man davon aus, dass eine Häufung von heftigen Ausschlägen unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ist. Anlagestrategie und Wertschwankungsreserven müssen auf sehr negative Szenarien eingestellt sein; der absolute Worstcase kann aber nie abgedeckt werden.
Sie sprechen immer von langfristigen Anlagehorizonten. Aber es geht nun schon seit zehn Jahren nur seitwärts und abwärts.
Die aktuelle Situation ist dramatisch, aber die jetzige Krise wird ein Ende haben, wie die früheren auch. Man wird daraus Lehren und regulatorische Konsequenzen ziehen. Diese werden die Bankenwelt verändern, aber nicht die Pensionskassen.
Tages-Anzeiger
«Versicherte haben ein Recht auf höhere Renditen»
Cuno Pümpin, emeritierter Professor für Managementlehre an der Universität St.Gallen, verlangt von den Pensionskassen höhere Renditen. Es werde zu vorsichtig investiert. Was machen die Pensionskassen falsch? Bümpin: «Crashs wird es immer wieder geben. Das Problem liegt darin, dass die Pensionskassen ihre Anlagestrategien auf die Kapitalmarkttheorie abstützen. Diese wiederum beruht auf einer Normalverteilung der Renditen, die die Wahrscheinlichkeit von grossen Einbrüchen völlig unterschätzt. Was zurzeit passiert, dürfte der Kapitalmarkttheorie zufolge nur alle paar Millionen Jahre einmal geschehen. Aber sie ereignen sich alle paar Tage. Schon daran sieht man, dass die Theorie nicht haltbar ist.»
Bümpin zu dem von ihm favorisierten Modell der Universität Yale: «Yale ist so gut, weil die Stiftung eine hervorragende Strategie gewählt hat. Sie verfügt über ein hervorragendes Beziehungsnetz, das hilft, die besten Fondsmanager und Investments zu finden. Es wäre unrealistisch, diese Fähigkeiten von unseren Pensionskassen zu verlangen. Aber eine Rendite im Rahmen des nominellen Weltwirtschaftswachstum von 6 bis 8 Prozent müsste auch von ihnen angestrebt werden. Die Differenz von 2 bis 3 Prozent zu den Schweizer Pensionskassen ist doch genau die Prämie, die die innovativen Investoren für sich abholen. Das müsste auch für Pensionskassen das Ziel sein.»
Tages-Anzeiger
"Les hedge funds ont-ils leur place dans le 2e pilier?"
Les fonds à risque affichent des performances rouge vif depuis le début de l’année. Ils ne remplissent plus leur rôle de protection du capital.
Michel Thétaz, directeur de la société de gestion institutionnelle IAM.
LeTemps
Blick: "Lasst uns von der Krise profitieren"
«Der Börsenkapitalismus kann es nicht. Er macht wenige absurd reich – und scheitert daran, die Bedürfnisse der Menschheit menschlich zu befriedigen. Wir brauchen ein anderes Wirtschaftssystem», schreibt Werner Vontobel im Sonntagsblick. Und zu den Pensionskassen: «Sie müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und ihr Geld so anlegen, wie es den langfristigen Interessen ihrer Mitglieder entspricht – auch dem Interesse an einem sicheren Arbeitsplatz und einer intakten Umwelt. Dazu braucht es einen Entscheid aller Versicherten.»
Blick
Tages-Anzeiger: "Erste Pensionskassen stehen vor der Sanierung"
«Die Zahl der Vorsorgeinstitute nimmt zu, die eine Unterdeckung aufweisen», sagt Erich Peter von der Pensionskassen-Aufsicht im Kanton Zürich. Der Kurssturz von letzter Woche hat die Situation verschärft: Es sei denkbar, dass einige bereits unter 90 Prozent Deckung hätten, so Peter. Mehrere Experten stützen den Befund. Einer sagt: «Jetzt gehen viele auf die 90 Prozent zu», schreibt der Tages-Anzeiger online.
Tages-Anzeiger
DRS: "Finanzkrise beutelt AHV-Fonds"
Radio DRS fasst die diversen in den letzten Tagen bekannt gewordenen Angaben über geschätzte Kursverluste bei der AHV und Pensionskassen zusammen.
Radio DRS
Wechsler: "Unsere Pensionskassen sind sicher"
«Kurzfristigen Vermögensschwankungen können die Pensionskassen gelassen entgegen sehen, sagt Martin Wechsler, einer der renommiertesten Experten für die Altersvorsorge in der Schweiz. Die aktuellen Buchungsverluste von schätzungsweise 50 bis 60 Milliarden Franken entsprechen in etwa den «Gewinnen», welche die Pensionskassen in der Börsenhausse von 2005 verbuchen konnten», schreibt die Basler Zeitung zu einem Video-Interview mit Wechsler.
baz.online
Treuhänder: "Unter dem Joch der schweizerischen Sozialversicherung"
Die schweizerischen Sozialversicherungsbehörden wollen grundsätzlich alle Gesellschafter von Personengesellschaften als Selbständigerwerbende der vollumfänglichen AHV-Beitragspflicht unterstellen und auf dem gesamten Einkommen aus diesen Gesellschaftsanteilen die AHV-Beiträge einfordern, unabhängig davon, ob die betreffenden Gesellschafter effektiv eine Erwerbstätigkeit ausüben. Die Anwendung dieser «Praktikerregel» ist unhaltbar und nicht sachgerecht, schreiben Werner Beilstein und Corinne Scagnet im Treuhänder.
Beitrag im Treuhänder
Biedermann: «Pensionskassen müssen ihre UBS-Aktien halten»
In einem Video-Interview mit NZZ Impulse äussert sich Dominique Biedermann (Ethos) über die Haltung der Ethos zu den Geschäften an der bevorstehenden GV der UBS vom 2.10. Seine Haltung zu den vorgeschlagenen Kandidaten für den Verwaltungsrat ist sehr positiv. Ebenso würdigt er die bisherige Arbeit von VR-Präsident Peter Kurer. Auf die Frage, ob Pensionskassen ihre UBS-Aktien verkaufen sollten verneinte er vehement und meinte, es sei in der heutigen Lage absolut notwendig, dass die Kassen die Papiere behielten.
Si vous croisiez Marcel Ospel, qu’est-ce que vous aimeriez lui dire?
Nicolas Hayek: Je ne discuterai pas avec Marcel Ospel. Cela ne servirait à rien. Il m’a téléphoné quand UBS a voulu augmenter son capital. Nous avions donné l’ordre à notre caisse de pension de voter contre à l’assemblée générale. Et Ospel, qui me considérait comme un ami, car nous avons souvent travaillé avec eux comme banque, n’a pas fait la différence entre l’amitié et l’intérêt général. Il m’a téléphoné pour me dissuader de le faire. Je lui ai répondu: «Vous faites des coups absolument incroyables, vous faites du mal à toute la société, vous détruisez des milliards et en plus de cela vous faites une augmentation de capital qui exclut des gens qui pendant plus de vingt ans étaient vos actionnaires. Et vous vous attendez à ce que je vous dise que vous pouvez faire ce que bon vous semble? Non, je ne vous suivrai pas là-dessus.» Mais si je le vois à nouveau, je lui parlerai de musique, de théâtre. Mais plus de la banque. (Bilan, 24 septembre 08)
Worldtempus
NZZaS: "Verluste bei Pensionskassen – Die Zeche zahlen die Jungen"
Seit einem Jahr haben die Börsen weltweit im Schnitt rund 20% verloren. Wie die Baisse die Schweizer Pensionskassen rein mathematisch trifft, rechnet Professor Martin Janssen von Ecofin in Zürich vor. «Bei einem Aktienanteil von rund 30% bedeutet das – bezogen auf das Gesamtvermögen von 650 Mrd. Fr. – einen Verlust von 6%, also etwa 40 Mrd. Fr.» Das sei ein Durchschnitt; einzelne Kassen stünden viel schlechter da, manche auch besser. So weist etwa die Pensionskasse Stadt Zürich per Mitte September eine Performance von minus 7,5% aus, Novartis per Ende August eine von minus 2,1%, schreibt die NZZ am Sonntag.
Für die Deckungsgrade der Kassen (Deckung der Verpflichtungen durch Vermögenswerte) verheissen die Verluste nichts Gutes. Janssen erklärt: «Zum Vermögensverlust von durchschnittlich 6% kommt die Minimalverzinsung von rund 2,5% für die vergangenen 12 Monate hinzu. Der Deckungsgrad der Kassen ist damit in den letzten 12 Monaten im Schnitt um rund 8,5 Prozentpunkte gefallen.»
Schwerer als die Börsenverluste wiegen für Janssen die falschen technischen Grundlagen bei vielen Kassen: «Die gestiegene Lebenserwartung wird oft nicht korrekt berücksichtigt, und der Wert der zukünftigen Leistungen per heute wird meist mit viel zu hohen Zinsen berechnet.» Deshalb werde der Deckungsgrad dieser Kassen im Schnitt um 20 Prozentpunkte zu hoch ausgewiesen.
Viele Kassen würden 2008 das Kapital nicht oder nur teilweise verzinsen, falls das Kassenreglement dies zuliesse, prophezeit Janssen. «Das ist ein echter Sanierungsbeitrag in der Höhe der BVG-Mindestverzinsung.» Auch Hanspeter Konrad, Direktor des Pensionskassenverbandes Asip, rechnet damit, dass viele Kassen dieses Jahr wegen der gesunkenen Wertschwankungsreserven eine «Nullrunde» prüfen werden. Viele Kassen hatten nach der Börsenkrise 2001 bis 2003 diese Möglichkeit in ihre Reglemente eingebaut. Konrad hält dies für eine angemessene Massnahme: «Es ist besser, in einem Jahr auf die Verzinsung zu verzichten, wenn damit die Kasse langfristig auf gesündere Beine gestellt werden kann.»
Kommt es so weit, verzichten nur die Arbeitnehmer auf eine Verzinsung: Die Rentner hingegen können nicht für die Sanierung von Kassen herangezogen werden. Sobald eine Rente läuft, werden die Guthaben der Rentner mit 4% oder mehr verzinst. Besonders ärgerlich für Junge sei, so Janssen, «dass sie zur Sicherstellung der laufenden Renten Risiken übernehmen müssen, die sie gar nicht tragen können und für deren Übernahme sie nicht entschädigt werden». Entlastung für die Pensionskassen kommt derweil aus der politischen Ecke: Der Mindestzins soll von 2,75 auf 2% gesenkt werden.
Artikel NZZaS
Hanspeter Konrad: "Abschaffung der 2. Säule ist ungerecht gegenüber den Jungen"
In einen Beitrag im Blick wendet sich Hanspeter Konrad, Direktor des Pensionskassenverbands ASIP, gegen die im gleichen Blatt formulierten Vorschläge für eine Abschaffung der 2. Säule. Konrad schreibt u.a.: «Eine Abschaffung der BVG stärkt weder die Systemsicherheit noch die Konjunktur, ganz im Gegensatz. Ohne die 2. Säule liegt die Erhaltung des Wohlstandes der älteren Generation ganz und gar auf den Schultern der jüngeren Generation. Dies würde die AHV existentiell bedrohen und das Risiko der Zunahme von der Verarmung der Rentner massiv erhöhen. Sowohl die Kaufkraft der Rentner als auch die der jüngeren Generation würde sinken, insbesondere da die Arbeitnehmer die Renten für eine proportional viel grössere Bevölkerungsgruppe finanzieren müssten.»
Blick
Blick: "2. Säule abschaffen"
Werner Vontobel kommentiert im Blick Leserbriefe zum Thema Finanzkrise und 2. Säule und kommt mit den Lesern zum Schluss, dass das 2. Säule-Obligatorium besser abgeschafft und dafür die AHV aufgestockt werden sollte. Ähnliche Überlegungen hat bereits Ulrich Grete Ende vergangenen Jahres entwickelt. Gleichzeitig werden in anderen Medien grob geschätzte Zahlen über die an den Börsen erlittenen Verluste der Pensionskassen publiziert. Die Gewinnzahlen für die Boomjahre sucht man allerdings vergeblich. Und auch die Tatsache, dass bisher aufgrund der Kursentwicklung nur wenige Kassen in eine meist geringfügige Unterdeckung geraten sind scheint nicht weiter erwähnenswert.
