Umwandlungssatz
Umverteilung von Jung nach Alt
“Die privaten Versicherungen «klauen» die Renten, sagen die Gewerkschaften. Der lärmige Vorwurf soll das eigentliche Problem übertönen. Die Gewerkschaften hintergehen ihre eigenen Leute”, schreibt Markus Somm in der Weltwoche. Er hält fest: “In ihrer Kampagne erwecken die Gewerkschaften den Eindruck, das Problem bestehe bloss, weil ein paar Versicherungsmanager zu hohe Boni abzweigten und zu hohe Profite machten: «Zwölf grosse Versicherungsgesellschaften und ihre Manager sind die treibenden Kräfte hinter der Rentensenkung», schreibt der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB), «unsere Pensionskassen sind für sie ein lohnendes Geschäft. Sie haben damit in den vergangenen Jahren fette Gewinne eingefahren.»
Eine alte literarische Regel besagt: Je greller die Adjektive, desto dünner die Faktenlage. Das gilt auch hier. Die kämpferischen Sätze des SGB, die an die besten Zeiten des Generalstreiks erinnern, täuschen darüber hinweg, dass die Gewerkschaften sich auf ein Nebenproblem eingeschossen haben: Erstens verwalten die privaten Versicherungen nur etwa zwanzig Prozent des Kapitals in der Zweiten Säule. Sie sind kein Hauptspieler, sondern entscheidend sind die zahlreichen (teil)autonomen Pensionskassen. Eigenartigerweise kommen sie aber in der Kampagne der Linken praktisch nicht vor. Liegt es daran, dass viele Gewerkschafter in den Stiftungsräten von Pensionskassen sitzen – und zum Teil genau wissen, welche technischen Sachzwänge ihnen das Leben schwermachen?”
Christoph Ryter: «Die Vorlage ist nicht kompliziert»
Im Migros-Magazin gibt Christoph Ryter, Präsident des Pensionskassenverbands ASIP in einem Interview Auskunft zur Abstimmung über den Umwandlungssatz. Auszug:
Wie soll ein Laie beurteilen können, welcher Umwandlungssatz angemessen ist?
Ryter: Tatsache ist, dass die Lebenserwartung seit 1985 markant angestiegen ist, während gleichzeitig das Zinsniveau von über vier Prozent auf rund zwei Prozent für zehnjährige Bundesobligationen gesunken ist. Die zu erwartenden Erträge der Pensionskassen fallen entsprechend tiefer aus. Deshalb ist es logisch, dass Vorsorgeeinrichtungen heute nicht die gleichen Leistungen versprechen können wie vor 25 Jahren. Wenn wir den Umwandlungssatz nicht anpassen, benötigen die Vorsorgeeinrichtungen 2014 bei einem UWS von 6,8 Prozent eine Rendite von 4,9 Prozent, was aus heutiger Sicht nicht realistisch ist.
Was ist die Alternative?
Wenn man heute keine Korrekturen an den Leistungen akzeptieren will, muss man entweder höhere Beiträge einzahlen oder das Pensionierungsalter erhöhen.
Trotzdem: Weshalb sollen die Schweizer Stimmbürger an der Urne für ihre eigene Rentenkürzung stimmen?
Zum Glück hat das Volk in der Vergangenheit immer wieder unpopuläre, aber nötige Entscheide gefällt. Wenn wir nicht Ja zur Senkung sagen, kommt es zu einer schleichenden Umverteilung.
In einem weiteren Beitrag äussert sich Gabi Huber (NR FDP) positiv zur Senkung, Ruedi Rechsteiner (NR SP) ist dagegen, natürlich wegen den Versicherungen. Ein anderes Argument scheint ihm nicht zur Verfügung zu stehen.
UWS: Daum und P.Rechsteiner kreuzen die Klingen
In “20 Minuten” standen sich Thomas Daum, Direktor des Arbeitgeberverbands, und Paul Rechsteiner”, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, zum Thema Umwandlungssatz gegenüber. Daum sprach über die Notwendigkeit der Sicherung der Altersrenten, Rechsteiner über die Eigenkapitalrendite der Versicherer.
Une campagne où l’on se traite mutuellement de voleur
Rendement du 2e pilier: la dispute des optimistes et des pessimistes
Les partisans de la baisse du taux de conversion invoquent l’effondrement du rendement des placements des caisses de pension. Dans la branche, les avis sont partagés.
BR Burkhalter: «So fahren wir die 2. Säule an die Wand»
In einem Interview mit dem Sonntags-Blick sprach Bundesrat Didier Burkhalter Klartext zum Referendum gegen die Senkung des Mindest-Umwandlungssatzes. Auszüge aus dem Interview:
Die Gegner sprechen von hohen Verwaltungskosten. Es kursieren Zahlen von bis zu zehn Milliarden versteckter Kosten. Wie wollen Sie diese Frage politisch anpacken?
Burkhalter: Würde man die Vewaltungskosten auf null reduzieren, hätte man das Problem trotzdem nicht gelöst. Es ist sehr wichtig, dass die Verwaltungskosten so tief wie möglich gehalten werden. Wichtig ist aber auch, dass man eine gute Rendite macht mit dem Geld der Versicherten. Bei einem Gesamtvermögen der Kassen von 660 Milliarden gibt es natürlich auch Kosten. Sie sind nötig, um eine gute Rendite zu erzielen. Nur eine Zahl: 2007 wurde pro Person eine Nettorendite von mehr als 4000 Franken erzielt. Aber bei allen Hypothesen bleibt die Tatsache, dass man Geld von den Jungen nimmt, um die Renten der Alten zu finanzieren. So fahren wir die zweite Säule an die Wand.
UWS: Stellungnahme der Revor-Sammelstiftung
In einer Stellungnahme der Revor Sammelstiftung zur Abstimmung über den Mindest-Umwandlungssatz heisst es u.a.: “Die Vorlage des Bundesrates trifft alle Versicherten ab Jahrgang 1951 und jünger. Für diese Personen ist vorgeschlagen, den gesetzlichen Umwandlungssatz auf 6,4% abzusenken. Dies bedeutet, dass für diesen Personenkreis weniger Rente bei Erreichen des Pensionierungsalters resultiert. Die Absenkung ist aber für die Sicherung Ihrer Pensionskasse wichtig und sichert auch Ihre Altersrente. Mit der Annahme der Vorlage wird eine Quersubventionierungen des BVG-Systems nicht notwendig. Dies ist für das Funktionieren der Pensionskasse von ausschlaggebender Bedeutung.
In diesem Sinne bittet die Revor Sammelstiftung 2. Säule um Ihre Unterstützung: Folgen Sie dem Vorschlag des Bundesrates und verwerfen Sie bitte am 7.März 2010 die Initiative. Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung und stehen Ihnen für ergänzende Auskünfte gerne zur Seite.
NZZ: Kleines Einmaleins der beruflichen Vorsorge
Towers Watson-Studie: Vorsorgepläne und Umwandlungssatz
Die Umwandlungssätze der Vorsorgepläne der 20 im Börsenbarometer Swiss-Market-Index (SMI) vertretenen Unternehmen liegen im Durchschnitt deutlich niedriger als der derzeit gültige BVG-Mindestumwandlungssatz. Zudem weist die Höhe der Vorsorgeleistungen der SMI-Unternehmen grosse Unterschiede auf. Dies sind die wichtigsten Ergebnisse einer im Herbst 2009 durchgeführten Studie des Beratungsunternehmens Towers Watson. Die Analyse beruht auf Befragungen von Verantwortlichen der beruflichen Vorsorge in den 20 SMI-Konzernen.
Zum Thema Umwandlungssatz wird festgehalten: “Der derzeit gültige gesetzliche BVG-Mindestumwandlungssatz (2009: 7,05% für Männer/ 7,00% für Frauen) darf für das obligatorische Altersguthaben nicht unterschritten werden. Bei umhüllenden Kassen, die sowohl obligatorische als auch überobligatorische Leistungen anbieten, kann der Umwandlungssatz tiefer sein. Voraussetzung ist, dass in einer Schattenrechnung nachgewiesen wird, dass die obligatorischen Leistungen erbracht werden. Laut Studie liegt der aktuelle Umwandlungssatz bei den Vorsorgeplänen der SMI-Unternehmen für Männer und Frauen im Alter von 60 im Median bei 5,85% für Männer und 5,90% für Frauen. Bei Männern im Alter 65 liegt der Wert bei 6,60%, für Frauen (64 Jahre) bei 6,50%.”
In einem Kommentar der NZZ zur Towers Watson-Studie heisst es: “Die Studie zeigt deutlich, dass die Abstimmung für viele gut verdienende Arbeitnehmer nicht relevant sein wird. Der BVG-Mindestumwandlungssatz gilt nämlich nur für das Obligatorium der beruflichen Vorsorge, bei dem das BVG Mindestleistungen definiert. Die Pensionskassen können aber über das vom Gesetz geforderte Minimum hinausgehen (überobligatorische Leistungen). Die BVG-Eintrittsschwelle beträgt derzeit 20 520 Fr., der BVG-Höchstlohn 82 080 Fr. Wenn Arbeitnehmer also in einer «umhüllenden» Pensionskasse – die sowohl obligatorische als auch überobligatorische Leistungen anbietet – versichert sind, können geringere Umwandlungssätze verwendet werden, wenn die Zahlungen oberhalb der obligatorischen Leistungen liegen.”
Wir können hier nur ein weiteres Mal anfügen: Betroffen von einem Nein zur geplanten Senkung sind nicht die Versicherungen, sondern die Mitarbeiter kleiner Unternehmen mit geringen überobligatorischen Leistungen. Ausgerechnet sie müssen die Suppe auslöffeln, welche die Linke ihnen jetzt einbrocken will. Und zwar in Form höherer Kassenbeiträge, um die unvermeidlichen Pensionierungsverluste auszugleichen. Das ist Sozialpolitik à la SGB und SP.
Kontroverse um Stiftungsrat
Im Komitee gegen die Senkung des Mindest-Umwandlungssatzes ist auch ein Stiftungsrat der Pensionskasse Thurgau vertreten. Das hat im Kanton nicht nur positive Reaktionen ausgelöst. Der Präsident des SR ist auch nicht begeistert.
Es ist in der Tat stossend, wenn sich jetzt Stiftungsräte von grossen, gutausgebauten Kassen mit überobligatorischen Leistungen gegen die Senkung als Kassenvertreter politisch engagieren. Das trifft erst recht auf die öffentlichen Kassen zu. Diese können Pensionierungsverluste wegen des zu hohen Umwandlungssatzes wenn nötig auch mit Steuergeldern finanzieren. Bei kleinen Kassen fällt die Last voll auf die aktiven Versicherten. Ein soziales Engagement sieht anders aus.
Marc Chuard: le risque des rendements trop élevés
Les adversaires de la baisse du taux de conversion qui proviennent des partis de la gauche et des syndicats prônent souvent des allocations des placements en actions élevées. Le panégyrique de l’action, instrument capitaliste par excellence, de la part des partis de gauche est un des phénomènes les plus troublants de la campagne contre la baisse du taux de conversion. Qu’en est-il vraiment des performances de placements avec des allocations en actions plus élevées? Une nouvelle génération d’indices Pictet LPP a été lancée en 2000. Les indices Pictet LPP-25, LPP-40 et LPP-60, les nombres 25, 40 et 60 donnent la pondération en actions de l’indice, ont une performance annualisée depuis 2000 de respectivement 2,7%, 2,0% et 0,8%. On observe donc que, pendant ces dix dernières années, plus l’allocation en actions a été élevée, plus la performance a été basse!
Le taux d’intérêt technique doit donc se baser sur des placements à faible risque, par exemple des obligations de longue durée d’emprunteurs avec une bonne solvabilité. Le choix d’un taux d’intérêt technique de plus de 3,5% pour le calcul du taux de conversion minimal de la prévoyance professionnelle n’est pas raisonnable, car très risqué. Pour une caisse de pension qui ne tient pas compte de l’allongement futur de l’espérance de vie des retraités dans son choix de la table de mortalité, le taux d’intérêt technique ne devrait pas dépasser 3%, la différence étant nécessaire pour compenser cet allongement futur.
Doppeltes Spiel von Stiftungsräten
In der Aargauer Zeitung analysiert Daniel Imwinkelried höchst aufschlussreich das Verhalten der Stiftungsräte im Komitee gegen die Senkung des Mindest-Umwandlungssatzes.
Gewisse Stiftungsräte von Pensionskassen empfehlen den Schweizern, die Senkung des Umwandlungssatzes abzulehnen. Dabei fällt auf: Die Stiftungsräte sind vor allem Angestellte von Behörden, Staatsfirmen und starken Grosskonzernen. Gerade deren Mitarbeitende leben oft in einem Paradies, das die Angestellten von kleinen und mittleren Unternehmen nur vom Hörensagen kennen. Ein Beispiel: Die Post stopft Jahr für Jahr einen grossen Teil ihres Gewinns in ihre notleidende Pensionskasse. Gleichzeitig ist die Post gegenüber den Mitarbeitenden sehr grosszügig und übernimmt die ganzen Verwaltungskosten der Angestellten von 240 Franken pro Jahr. Dass sich nun ausgerechnet ein Stiftungsrat der Post-Pensionskasse für ein Nein stark macht, verwundert. Zumal die Pensionskasse der Post als sogenannte umhüllende Kasse im Schnitt bereits einen Umwandlungssatz von 6,4 Prozent anwendet.
Silvio Borner: “Die Linke will die Pensionskassen aushungern”
In einem Artikel in der Weltwoche analysiert Prof. Silvio Borner von der Uni Basel die Strategie der Linken bei der Abstimmung um den Umwandlungssatz. Er kommt zum Schluss: “Jetzt stehen wir vor einer neuerlichen politischen Grundsatzentscheidung wie 1972. Es geht nämlich nicht darum, ob der Umwandlungssatz 6,8 oder 6,4 Prozent betragen soll, sondern um die mittelfristige Weiterexistenz der beruflichen Vorsorge, wie sie das Schweizervolk 1972 mit grosser Mehrheit in der Verfassung verankert hat. Die Pensionskassen des Staates und seiner Regiebetriebe machen dies schon heute vor. Man stopft die Deckungslücken mit Milliarden aus Steuergeldern. Bei den Privaten würden individuelle Beiträge analog zu den AHV-Beiträgen faktisch zu Steuern. 1972 hat die politische Linke die Pensionskassen offen angegriffen. Heute versucht man sie auszuhungern, um sie dann politisch «retten» zu können.”
Weltwoche (Login)
SGB: Colette Nova jetzt doch gegen die UWS-Senkung
Das Schweigen der geschäftsführenden Sekretärin des Gewerkschaftsbundes, Colette Nova, zur Senkung des Mindest-Umwandlungssatzes, hat zu allerhand Spekulationen Anlass gegeben. Als Mitglied einer Arbeitsgruppe der BVG-Kommission hat sie eine gemeinsame Empfehlung zur Senkung des Satzes 2004 mitgetragen und unterschrieben, sich aber bislang aus der Diskussion auffällig herausgehalten. Wir kennen die Hintergründe nicht, die sie jetzt zu einem Beitrag im Newsletter des SGB veranlasst hat. Aber wir sind erstaunt über den Tonfall. Wer den Text durchliest, findet jedoch kein einziges Argument, das aus versicherungstechnischer Sicht gegen die Senkung des Satzes sprechen würde. Der Mindest-Umwandlungssatz ist aber eine versicherungstechnische Grösse. Punkt.
In einem ersten Abschnitt beklagt Nova, dass die neue Senkung ohne flankierende Massnahmen wie bei der letzt laufenden Senkung erfolgen, was nicht akzeptabel sei. Der Rest beschäftigt sich primär mit der Achse des Bösen, an deren einen Ende die Versicherer und an der anderen die Finanzwirtschaft und ihre Handanger in der Finma sitzen. Im Lead des Artikels gibt sie die Zielrichtung ihrer Absichten klar wieder: “Ein NEIN zu dieser Vorlage wäre (…) ein erster Schritt, den Lebensversicherungen endlich das Handwerk zu legen.” So behandelt man Kriminelle.
Natürlich bringt sie – wie Rechsteiner – auch das Thema Legalquote aufs Tapet. Die heutige Anwendung bezeichnet sie als “gesetzeswidrigen Trick”. Allerdings hat die GPK des Parlaments die Umsetzung der Beschlüsse als korrekt bezeichnet, was stets unterschlagen wird. Und Nova erwähnt natürlich auch nicht, dass niemand zu einem Kollektivversicherungsvertrag gezwungen werden kann, dass die Konkurrenz hier spielt und im grossen Massstab Wechsel zu autonomen Stiftungen stattfinden. Aber für 150’000 KMU ist offenbar die Vollversicherungslösung weiterhin die beste. Diese aber das setzt einen Garanten voraus, den Aktionär, was nicht ohne Gewinne geht. Wer das nicht akzeptieren kann, sehnt sich offenbar nach einem System à la Pyöngyang. Dort gibt es keine Aktionäre und keine privaten Versicherungen. Welch Paradies!
