Ein Blick auf den selbst deklarierten Gesundheitszustand in der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) zeigt einen deutlichen Knick. Zwischen 2010 und 2020 war das Bild stabil, danach sinkt das Wohlbefinden – nicht dramatisch, aber auffällig.

Die Klage über die stressige Arbeitswelt ist allgegenwärtig. Gewerkschaften warnen vor einer «Gesundheitskrise» und fordern als Antwort kürzere Arbeitszeiten oder strengere Regulierungen. Ein Blick in die Statistik zeigt: Das Gesundheitsempfinden verschlechtert sich tatsächlich. Doch wer die Arbeit reflexartig als Sündenbock brandmarkt, macht es sich zu einfach, schreibt Patrick Chuard-Keller, Chefökonom des Arbeitgeberverbands. Zusammenfassend wird festgehalten: 

• Der Rückgang des Gesundheitsempfindens seit 2020 ist kein spezifisches Arbeitsmarktphänomen, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Trend. Seit 2020 verläuft er bei Erwerbstätigen und Nicht-Erwerbstätigen nahezu identisch.
• Die Entwicklung lässt sich nicht mit schlechteren Arbeitsbedingungen erklären: Arbeitszeiten sinken; Ferien und Homeoffice nehmen zu; die Reallöhne steigen.
• Besonders aussagekräftig ist der Blick auf junge Erwachsene: Der besorgniserregende Anstieg psychisch begründeter IV‑Neurenten setzt ein, bevor der Arbeitsmarkt prägend wirkt.

Besonders hellhörig macht die Entwicklung bei den Jüngsten im Arbeitsmarkt. Seit 2017 steigt die Zahl der IV-Neurenten bei den 18- bis 24-Jährigen deutlich an – ein Befund, der gesellschaftlich alarmieren muss.

Auffällig ist: Betroffen sind ausgerechnet jene mit wenig oder keinem Arbeitsmarktkontakt. Bei älteren Altersgruppen zeigt sich kein vergleichbarer Anstieg – obwohl sie der Arbeitswelt deutlich stärker ausgesetzt sind.

Das legt einen differenzierteren Blick auf die Ursachen nahe. Die Zunahme psychischer Probleme verläuft zeitlich parallel zur Allgegenwart sozialer Medien. Auch wenn die Forschung hier noch keine abschliessenden Antworten liefert, deuten Hinweise darauf hin, dass digitaler Dauervergleich und Erwartungsdruck in der Phase der Identitätssuche tiefer wirken könnten als der spätere Büroalltag.

  Untersuchung SAV