Nach dem Tages-Anzeiger hat auch die NZZ das Thema der Bevölkerung im Pensioniertenalter aufgegriffen. Das Blatt verweist auf das ungenutzte Potenital. Melanie Häner-Müller vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Uni Luzern schreibt:
Wenn über Generationengerechtigkeit diskutiert wird, stehen die 65- bis 70-Jährigen zunehmend am Pranger. Sie sind frisch pensioniert, beziehen neu eine 13. AHV-Rente, gelten als reisefreudig und haben selbst zu wenige Kinder grossgezogen, damit die demografische Rechnung heute aufgeht. Der Vorwurf ist schnell formuliert: eine privilegierte Altersgruppe, die Ressourcen bindet und den Jüngeren zur Last fällt.
Doch dieses Bild greift zu kurz. Diese Generation hat entscheidend zum heutigen Wohlstand beigetragen. Vor allem aber wird verkannt, wie leistungsfähig sie heute wäre – und wie wenig unsere Institutionen dieses Potenzial nutzen. (…)
Diese Altersgruppe ist deutlich fitter, als es die Institutionen der Altersvorsorge unterstellen. Das gesetzliche Rentenalter – neu Referenzalter genannt – markiert längst keine gesundheitliche Zäsur mehr, sondern bloss eine administrative.
Hinzu kommt: Sowohl die Lebenserwartung insgesamt als auch die Lebenserwartung bei guter Gesundheit sind angestiegen. Die Jahre in Pension werden länger. Bei zunehmender gesunder Lebenszeit kommt ein unverändertes Rentenalter faktisch einer schleichenden Frühpensionierung gleich. (…)
Lag das durchschnittliche Alter beim Austritt aus dem Arbeitsmarkt 1999 noch bei 64,8 Jahren und erreichte 2017 mit 65,8 Jahren einen Höchststand, liegt es heute wieder exakt bei 65 Jahren. Die Quote der Frühpensionierungen ein Jahr vor dem ordentlichen Rentenalter ist bei den Männern mit rund 40 Prozent nahezu unverändert gegenüber dem Wert von vor 25 Jahren. Bei den Frauen ist sie sogar von 24 auf 34 Prozent gestiegen. (…)
Eine alternde Gesellschaft braucht eine bessere Nutzung bestehender Ressourcen. Erstens gilt es, Weiterarbeit im Alter gezielt zu erleichtern: durch den Abbau unnötiger Beitragslasten nach dem Rentenalter und durch eine aktivere Weiterbeschäftigung seitens der Unternehmen – mit flexiblen Teilzeitmodellen und Tätigkeiten im Mandatsverhältnis.
Zweitens braucht es neue Formen der Einbindung in die Zivilgesellschaft. Gefragt sind niederschwellige, projektbezogene Formate, die zeitlich begrenzt sind und gezielt an vorhandene Kompetenzen anknüpfen. (…)
Die 65- bis 70-Jährigen sind eines der grössten ungenutzten Potenziale unserer alternden Gesellschaft. Und angesichts der demografischen Entwicklung der kommenden Jahre können wir es uns eigentlich nicht länger leisten, dieses Potenzial brachliegen zu lassen.
NZZ
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