In der “Schweiz am Wochenende” wird die Stimmung in den Parteien nach der AV2020-Abstimmung ausgelotet. Henry Habegger schreibt:

Bei der abgelehnten Reform hatten die Anführer der SP und der Gewerkschaften, Christian Levrat und Paul Rechsteiner, gleichsam ihr letztes Hemd gegeben, um die 70 Franken zu erhalten: so die Erhöhung des Frauenrentenalters, die Senkung des Umwandlungssatzes in der Pensionskasse, Verzicht auf massive Reduktion der Legal Quote (Anteil der Versicherer an den Erträgen der Pensionskassengelder). Nach der Niederlage sind Rechsteiner und Levrat im eigenen Lager in der Defensive, sie können keine Geschenke mehr machen. «Wir haben in der abgelehnten Vorlage zwei, drei Tabus preisgegeben», sagt SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini. «Damit ist Schluss. Jetzt rücken wir die sozialdemokratischen Grundsätze wieder in den Vordergrund».

Die Sieger haben zu viel versprochen, die Verlierer zu viel geboten. Der pfannenfertige Plan B, das war einmal. Auf Innenminister Alain Berset und seinem runden Tisch ruhen die Hoffnungen der Sieger. «Den runden Tisch finde ich dringlich», sagt Gewerbedirektor Hans-Ulrich Bigler (FDP). Es gelte, Hearings abzuhalten und einen Minimalkonsens zu finden. Bigler möchte zwei Vorlagen, eine für die AHV und eine für die Pensionskasse, beiden Säulen finanziell sichern. Er weiss, dass auch von seiner Seite «Zugeständnisse» nötig sind. Worin diese bestehen, will er aus verhandlungstaktischen Gründen nicht verraten. Aber: «Wir brauchen Vorlagen, die eine Mehrheit nicht nur im Parlament, sondern auch vor dem Volk finden.»

FDP und SVP möchten im ersten Schritt die AHV sanieren. Die SVP, die zunächst auf 0,3 Prozent Mehrwertsteuer tendierte, besserte ihr Angebot im Lauf der Woche auf 0,6 nach, näherte sich damit der FDP an. Gleichzeitig soll das Frauenrentenalter auf 65 erhöht, das Rentenalter flexibilisiert werden. Während die FDP zusätzliche Abfederungen für tiefe Einkommen
ins Auge fasste, lehnten SVP-Exponenten diese kategorisch ab.

Ohne echte Kompensation für die Frauen, so heisst es bei Mitte-Links, sei der nächste Schiffbruch aber so sicher wie das Amen in der Kirche. «Die Lohngleichheit ist halt schon nicht gegeben», sagt auch CVP-Nationalrätin Viola Amherd. Von der Altersarmut seien vor allem Frauen betroffen. Diese mit Ergänzungsleistungen abzuspeisen und sie zu Bittstellerinnen zu machen, gehe nicht an.

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