Françoise Bruderer, Geschäftsführerin der Pensionskasse Post, gehört zu den wenigen Exponenten der 2. Säule, deren Sicht über den Gesetzestext und die aktuellen Bilanzzahlen hinausreicht. Sie hat Charlotte Jaquemart ein Interview für die NZZ am Sonntag gegeben. Auszüge:
NZZ: Ist mit diesen Massnahmen (Senkung Umwandlungssatz) die Quersubventionierung der Pensionierten durch die Aktiven vom Tisch, von der man so viel redet?
Bruderer: Leider nein. Die Guthaben der Pensionäre werden bei uns mit gut 3% verzinst. Das bedeutet: Die ersten 250 Mio. Fr. unserer Rendite fliessen an die Rentner. Dieser Betrag ist quasi reserviert. Wenn wir nun ein schlechtes Anlagejahr haben, bleibt für den Zins der Aktiven nicht viel übrig. Die Quersubventionierung von Jung zu Alt hält so lange an, als der technische Zins nicht unterhalb der erwarteten Rendite liegt.
Anleihen sind auch nicht mehr so sicher, wie man einmal meinte.
Da haben Sie recht. Das ist ja auch ein grosses Problem. Und wissen Sie, was? Unsere Generation, die Babyboomer, zwischen 1945 und 1965 geboren, kriegt alle Probleme ab. Sie, und ich. Die demografischen Schwierigkeiten, die Finanzkrise, die Schuldenmisere. Wir haben uns dies teilweise aber selbst eingebrockt.
Wie meinen Sie das?
Unsere Generation hat auf Pump gelebt, die zu hohen Versprechen gemacht, den Sockel der Fixleistungen in den Sozialversicherungen dauernd erhöht. Jetzt wird es eng, und wir bezahlen den Preis. Die zweite Säule wurde zwar eingeführt, damit jede Generation für sich spart. Doch ein Restrisiko bleibt halt übrig. Dieses müssen wir nun tragen. Es gibt Verlierer- und Gewinnergenerationen. Das können wir nicht völlig glätten.
Könnten wir es, wenn wir etwas weniger auf die zweite Säule, dafür etwas mehr auf die AHV setzen würden?
Wir sollten froh sein, dass wir eine zweite Säule haben. Bei der AHV kommen wir Babyboomer nämlich zu einer Zeit in Rente, in der nicht mehr genügend Arbeitnehmer da sein werden. Es ist absehbar, dass diese Jungen irgendwann sagen: Wir haben keine Lust mehr, eure hohen Renten zu zahlen. Ihr habt nicht dafür gesorgt, dass es genügend von uns gibt!
Wenn die Zuwanderung weiter anhält, kann die Rechnung trotzdem aufgehen. Die Schweiz hat eine halbe Million mehr Arbeitskräfte als noch vor zehn Jahren.
Schon. Nur: Die zweite Generation der Immigranten verhält sich gleich wie wir und hat nicht die Kinderschar, die wir brauchten. Ich bin aber trotzdem nicht so pessimistisch. Erstens nützt uns Pessimismus nichts. Zweitens: Wenn unsere Generation einmal gestorben ist, atmet die Schweiz wieder. Sie und ich, 1962 geboren, sind für die Jungen das Problem, das sich immerhin von alleine löst.
Bevor wir abdanken, tragen wir aber die volle Last.
Das ist so. Wir müssen höhere Beiträge in die zweite Säule zahlen, tragen die Quersubventionierung der noch älteren Kollegen, die schon im Ruhestand sind. Wenn wir alt sind, gibt es kaum Pflegepersonal, und ob die Jungen die AHV-Renten noch zahlen können, ist unsicher. Deshalb ist Diversifikation fast das Einzige, an das ich wirklich glaube: Nicht alle Eier in einen Korb legen. Auch nicht in der Altersvorsorge.
Entspricht das nicht der Idee der Bonus-Rente, welche einige Pensionskassen einführen?
Nicht ganz. Die Bonus-Rente wird im Moment als Wunderwaffe herumgeboten. Mich überzeugt sie nicht. Es ist nämlich eine Trickserei, und die Leute durchschauen dies: Man garantiert nur noch 90% der Rente. Das ist weniger als 100%. Mit welchen Argumenten verkaufen Sie das den Versicherten? Eigentlich müsste der Umwandlungssatz gesenkt werden, aber weil man sich nicht getraut, das zu tun, garantiert man nicht mehr 100% der Rente.
