In einem Interview mit der NZZ am Sonntag macht sich Prof. Manuell Ammann (Uni St. Gallen) stark für mehr Markt in der Vorsorge.

Weniger Fesseln für die 2. Säule

Finanzprofessor Manuel Ammann plädiert für
Good-Practice-Richtlinien beim Anlegen der Vorsorgegelder und mehr
Wahlfreiheit für die Versicherten

   NZZ am Sonntag: Herr Professor Ammann, die Pensionskassen und
Verwalter sind in Verruf geraten. Was ist Ihre Einschätzung zu den
jüngsten Affären?

    Manuel Ammann: Der Ruf der Pensionskassen hat tatsächlich
gelitten, in Einzelfällen wahrscheinlich zu Recht und in der grossen
Mehrheit sicher zu Unrecht. Die Gefahr ist, dass man sehr rasch nur
Fragen in eine Richtung stellt: Wo ist die Aufsicht, wo ist die
Regulierung?

   Der Schweizerische Versicherungsverband hat diese Woche
verlauten lassen, die 2. Säule brauche eine starke unabhängige
Aufsicht. Was ist daran falsch?

   Mit zusätzlicher Regulierung und stärkerer Aufsicht würden
Pensionskassen, die ohnehin schon überreglementiert sind, noch stärker
eingeschränkt. Es wäre gefährlich, zu sagen, eine Pensionskasse dürfe
nicht mehr aktiv anlegen, also von Börsen-Indizes abweichen, oder dürfe
nur noch eine bestimmte Standardaufteilung der Anlagen haben. Zu
glauben, mit solchen Regulierungen würde das System besser, ist
illusorisch.

   Es kann doch nicht angehen, dass Verwalter nach ihrem Gusto einen hohen Anteil illiquider Titel à la Mystery-Park kaufen?

   Nein. Die PK-Anlagerichtlinien, wo man festlegt, wie viel Aktien
eine Kasse halten kann, bringen diesbezüglich nicht viel. Ich plädiere
für sogenannte Good-Practice-Richtlinien, welche grundsätzliche Regeln
für die Anlagetätigkeit erlassen. Dass Verwalter gegen anerkannte
Anlagegrundsätze verstossen, hat aber auch mit der gewachsenen Struktur
der Pensionskassen zu tun. Aus meiner Erfahrung ist das System der
paritätisch zusammengesetzten Stiftungsräte problematisch. Es braucht
mehr Professionalisierung in den Pensionskassen und nicht noch mehr
staatliche Kontrollen und Einschränkungen.

   Professionalisierung darf aber wohl nicht heissen noch mehr
Pensionskassenberater, die selber Produkte und Dienstleistungen aus dem
Asset Management verkaufen?

   Da gibt es tatsächlich Interessenkonflikte. Pensionskassen
sollten der Unabhängigkeit der Berater eine grössere Bedeutung
zumessen. Dass Pensionskassen so stark auf Berater angewiesen sind, ist
ein Teil des Problems.

   Sind nicht die Anreize, dass PK-Verwalter beim Einsatz
bestimmter Titel oder Produkte und bei der Vergabe von Mandaten selber
kassieren, sehr hoch?

   Die Strukturen im Markt – das betrifft nicht nur Pensionskassen,
sondern zum Beispiel auch den Fonds-Vertrieb der Banken – sind so, dass
Produkte mit höheren Margen mehr Vertriebsentschädigung zahlen und
somit lieber verkauft werden. Wem die Vermittlungsprovisionen in der
2. Säule gehören, ist aber eindeutig: den Kassen und nicht den
Verwaltern. Aus akademischer Sicht sollten Beratungs- oder
Verkaufsdienstleistungen transparent und direkt, nicht versteckt über
Produkt- und Transaktionspreise abgegolten werden.

   Was schlagen Sie vor, damit unsere Pensionskassengelder effizienter angelegt werden?

   Wir müssen versuchen, den Markt als Regulator einzusetzen – in
der einen oder anderen Form. Man muss mehr Wettbewerb in das Geschäft
bringen. Ein solcher Ansatz wäre längerfristig vielversprechender als
noch mehr Regulierungen.

   Sie meinen, eine vom Arbeitgeber unabhängige Kasse wählen zu können?

   Das ist eine von verschiedenen Möglichkeiten, den Markt stärker
spielen zu lassen. Sie stösst bei uns bis hinauf zum Bundesrat auf sehr
viel Widerstand. Wichtig für das Funktionieren der freien
Pensionskassenwahl wäre die volle Freizügigkeit, welche auch
Kursschwankungsreserven einschliessen müsste. Dafür könnte man auf die
Mindestzinssätze verzichten.

   Sehen Sie denn eine andere, politisch weniger blockierte Massnahme für mehr Wettbewerb im PK-System?

   Man muss weiterdenken: Ist es wirklich Aufgabe des Staates,
Leuten, die einige 100 000 Fr. im Jahr verdienen, die Sicherung ihres
hohen Lebensstandards mit Kollektivlösungen aufzuzwingen? Ich meine,
man müsste die Sicherung der Existenz in der 2. Säule gewährleisten, im
Umfang des BVG-Obligatoriums oder mehr, sagen wir bis 100 000 Fr.

   Und den überobligatorischen Teil in der 2. Säule sollte man freigeben?

   Richtig. Da geht es ja nicht mehr um Existenzsicherung. Man wäre
frei, könnte mit dem überobligatorischen Geld bei einer Pensionskasse
verbleiben oder gleichermassen steuerlich begünstigt irgendwo ein
gebundenes Konto oder Wertschriftendepot eröffnen und die Gelder selber
managen oder verwalten lassen. Die Versicherungsleistungen für
Invalidität und andere Risiken könnte man nach Bedarf selber einkaufen.
Das brächte sehr viel Dynamik in den Markt.

   Auch im heutigen System können doch die meisten Leute Kapital statt Rente beziehen und das Risiko selber tragen.

   Das ist für mich eine grosse Inkonsistenz im heutigen System.
Einerseits wird der Versicherte bevormundet und in ein ganz auf
Sicherheit ausgerichtetes, kollektives System gezwungen, damit sein
Alterskapital nicht verlorengehen kann. Andererseits erlaubt man ihm,
über sein Kapital zu verfügen, wenn er sich selbständig macht, ins
Ausland geht oder pensioniert wird. Ob er es dann verjubelt, verspielt
oder verspekuliert, ist plötzlich nicht mehr von Belang.

   Warum haben wir bei der steuerlich begünstigten Säule 3a zwar Wahlfreiheit und doch keine marktkonformen Konditionen?

   Der Markt spielt bei der Säule 3a nicht wirklich. Wir haben einen
besonders regulierten Spezialmarkt mit Eintrittshürden geschaffen. Für
kleine Anbieter lohnen sich Fondsprodukte in diesem Spezialsegment
nicht. Und die grossen tun sich stillschweigend nicht weh.

   Wird nicht bei tiefen Renditen der Kostenfaktor entscheidend?

   Richtig. Die Kosten sind dann entscheidend, wenn man einen
langfristigen Horizont hat, weil sich die Kosten über Jahre kumulieren.
Kosten sind ein wesentlicher Performance-Treiber – im negativen Sinn.

Interview: Fritz Pfiffner

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