(Kommentar Newsletter Nr. 543, 19.1.2026)
Die Zahlen für Performance und Deckungsgrad der Pensionskassen für 2025 von Swisscanto/ZKB, UBS, Complementa, PPCmetrics und WTW lassen erkennen: Es war ein ausgezeichnetes Jahr für die 2. Säule. Es wird sich so im laufenden Jahr kaum wiederholen. Aber die geäufneten Reserven und freien Mittel geben die Sicherheit, dass die Pensionskassen Schwächephasen und Rückschläge verkraften können.
Für viele mag das Sicherheitsdenken übertrieben und mit unnötigen Leistungseinbussen verbunden sein, insgesamt stimmt der eingeschlagene Weg. Das System hat nicht zufällig die zahlreichen Stürme der letzten Jahrzehnte unbeschadet überstanden.
Das soll nicht daran hindern, regelmässig über Verbesserungen und grundsätzliche Fragen zu Sinn und Zweck der kapitalgedeckten Vorsorge nachzudenken. Nichts ist anregender als kontroverse Auseinandersetzungen.
Bei der SonntagsZeitung hat man herausgefunden, dass mit mehr Aktien im Portfolio eine grössere Rendite zu erzielen ist als mit der durchschnittlich gewählten Allokation. Das wird am konkreten Beispiel durchgerechnet und an der Differenz der erwarteten Renten gezeigt. Die (angebliche) Ursache: Die Stiftungsräte und Berater sind risikoavers.
Werner Vontobel setzt seine Kritik an anderer Stelle an: Er wirft dem Autor der SonntagsZeitung-Story auf Infosperber vor, er könne zwar rechnen, sei aber im Denken schwach. Seine Überlegungen würden für die einzelne Kasse zutreffen, nicht aber auf deren Gesamtheit. Volkswirtschaftliche Zusammenhänge würden ausser Acht gelassen und rein privatwirtschaftlich argumentiert (wobei privatwirtschaftlich an dieser Stelle ein eher unglücklicher Begriff ist).
Wie die Renditen und Renten ausfallen würden, wenn alle Kassen mehr in Aktien investierten, muss Vontobel offenlassen. Die Frage steht für ihn auch nicht im Vordergrund. Sie wären zweifellos höher, zumal eine höhere Nachfrage die Kurse automatisch antreibt, auch wenn schätzungsweise nur rund 10 Prozent der Marktkapitalisierung der Schweizer Unternehmen bei den Pensionskassen liegen.
Vontobel wirft seinen kritischen Blick vielmehr auf diesen Kurseffekt, hinter dem keine wirtschaftliche Entwicklung steht und zieht dafür zur Verdeutlichung u.a. Bitcoin-Anlagen heran. Doch Bitcoins sind ein rein abstraktes Produkt ohne materielle Substanz und werfen weder Zinsen noch Dividenden ab. Der Ertrag (oder Verlust) wird allein durch die Kursentwicklung bestimmt.
Die dem Markt inhärenten Preis- und Kurseffekte durch Angebot und Nachfrage können Wohlstand schaffen oder auch zerstören und sind der Linken traditionell ein Dorn im Auge. Sie lassen sich bei allen marktmässig gehandelten Waren feststellen: bei Aktien wie bei Immobilien, Gold, Uhren, Öl, Tulpenzwiebeln oder Computerchips, was auch immer. Sozialisten lieben administrierte Preise und möchten den Markt am liebsten gleich ganz abschaffen. Das Resultat ist bekannt: Planwirtschaft mit der Garantie auf allgemeine Armut.
Vontobels Vorbehalte gegen die kapitalgedeckte Vorsorge mit ihren Kursgewinnen (und -verlusten) in Ehren. Aber wenn er sie am Beispiel Bitcoin festmacht, einer Extremform von Anlagen, unterläuft ihm wohl selbst ein Denkfehler.
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Der politisch brisante Aspekt der Frage zeigt sich aktuell bei den Immobilienanlagen. Die Pensionskassen müssen mit ihren Anlagen angemessene Erträge erzielen – was immer das heisst. Gleichzeitig wird ihnen vorgeworfen, von der herrschenden Wohnungsnot zu profitieren. Die Nachfrage treibt die Preise und Erträge in die Höhe. Sollten sie auf Einnahmen aus «sozialen» Überlegungen verzichten? Das ginge auf Kosten der Versicherten und würde an den Verhältnissen nichts ändern, sondern bloss ein paar Privilegierte bevorteilen, wie die staatliche Wohnbaupolitik. Wie man es macht, ist es falsch.
Allerdings sollte klar sein: Für die Wohnungsnot sind nicht die Pensionskassen verantwortlich. Sie gelten allgemein als verantwortungsbewusste Eigner, die noch so gerne mehr in neue Wohnungen investieren würden, gäbe es bloss Gelegenheit dazu.
Aber man kann nicht eine jährliche, ungebremste Einwanderung von 80’000 Personen zulassen, ohne dass dies sich auf dem Wohnungsmarkt bemerkbar macht. Und man kann auch nicht die Regulierung von Neubauten laufend verschärfen, ohne nachteilige Effekte auszulösen. Und man kann schliesslich nicht durch sog. «Wohnschutzmassnahmen» den Investoren den Markt madig machen und gleichzeitig die Illusion verbreiten, man täte es im Interesse der Mieter und sich dann wundern, wenn der Neubau stockt und die Preise explodieren.
Pensionskassen stehen zwangsläufig im Spannungsfeld zwischen sozialpolitischer Verantwortung und der Mechanik des kapitalistischen Marktes. Das wird sich nicht ändern, solange es die kapitalgedeckte 2. Säule gibt. Damit müssen nicht nur die Pensionskassen leben, sondern auch die Kapitalimusüberwinder. Und was sie ebenfalls verbindet: Beide profitieren von ihr – die Befürworter wie die Überwinder. Wenigstens so lange erstere die Oberhand behalten.
Peter Wirth, E-Mail
