imageNeue Front gegen Alain Berset: Ökonomen kritisieren die Altersreform des SP-Bundesrats. Finanzexperte Erwin Heri fordert im Blick statt einem AHV-Ausbau, dass der Staat die 3. Säule stärker fördert. 

Erwin Heri, Sie sind gegen die Rentenreform. Was kritisieren Sie konkret?
Erwin Heri: Es ist mehr eine Grundsatzkritik. Es beginnt damit, dass mit dem Trostpflästerli von 70 Franken mehr AHV-Rente 1. und 2. Säule vermischt werden. Das ist ein ganz schlechtes Signal, denn beide sind «getrennte Firmen»: Die AHV ist ein wirkliches Sozialwerk, in der Pensionskasse spart im Prinzip jeder für sich. Diese so unterschiedlich funktionierenden Vorsorgewerke sollte man auf keinen Fall verquicken.

Sondern?
Beide Säulen sind getrennt zu sanieren. Die AHV über eine Erhöhung des Rentenalters, die 2. Säule über eine Senkung des Umwandlungssatzes auf ein marktnahes Niveau.

Wo müsste der Umwandlungssatz liegen?
Eher in der Nähe von fünf Prozent, so wie es heute an vielen Orten im überobligatorischen Teil üblich ist. Zudem müsste man die vermaledeiten Rechnungslegungsvorschriften anpassen. Heute muss jede Pensionskasse schon fast monatlich eine Rechnung vorlegen. So werden langfristige Verpflichtungen in einjährige Anlagehorizonte gepresst, was eine adäquate Anlagestrategie verunmöglicht.

Und wie hoch muss die Erhöhung des Rentenalters ausfallen?
In vielen Industrieländern beträgt das Rentenalter 67 Jahre. Die Politik sollte der Bevölkerung auch hierzulande endlich reinen Wein einschenken: Das Rentenalter muss rauf! Doch Politiker scheuen so unpopuläre Massnahmen, weil sie dann um ihre Wiederwahl fürchten müssen.

Was Sie vorschlagen, ist vom Volk immer deutlich abgelehnt worden.
Ich bin nicht sicher, ob wir immer alle wissen, worüber wir eigentlich abstimmen. Auch die jetzige Reform ist sehr komplex. Deshalb muss es heissen: Zurück an den Absender!

Auch das können wir uns nicht leisten. Bis ein neues Paket auf dem Tisch liegt, wird es Jahre dauern.
Das glaube ich nicht. Jeder weiss, dass wir nicht noch einmal zehn Jahre Zeit haben. Und die Bevölkerung ist auch bereit, ein höheres Rentenalter zu akzeptieren. Dafür braucht es natürlich auch ein Umdenken in Wirtschaft und Gesellschaft, so dass 50-Jährige nicht in der Arbeitslosigkeit landen.

Ist die Reform nicht zumindest ein erster Schritt in die richtige Richtung? Über ein höheres Rentenalter können wir danach reden.
Warum machen wir das nicht schon jetzt? Stattdessen fahren wir die AHV an die Wand! Je länger wir eine echte Sanierung vor uns herschieben, desto teurer wird es am Schluss. Bezahlen muss diesen ungedeckten Scheck eine Generation, die im politischen Prozess nicht existiert. Meine Enkelin, die bald auf die Welt kommt, zum Beispiel.

Fundamentalkritik ist einfach. Doch die Reform, die auf dem Tisch liegt, ist eben der politisch machbare Kompromiss
Wohin wird uns diese unsägliche Kompromissokratie noch führen? Wir brauchen keine Kompromisse. Die wirtschaftliche Realität sagt uns, was wir tun müssen. Das beste, was die Leute machen können, ist wieder mehr für sich selbst vorzusorgen. Über die 3. Säule, die stärker gefördert werden sollte. Man sollte die Leute motivieren, verstärkt langfristig in Wertpapiere zu investieren. Wenn jeder mehr für sich selbst sorgt, ist für die meisten besser gesorgt.

Blick

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